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So klingt Weihnachten: Weihnachtsoratorium überzeugt in St. Viktor

Schwerte. Das dürfte Bach nicht wissen, könnte man augenzwinkernd voran schicken.  Niemals hätte der Meister seinerzeit im 18. Jahrhundert sein Weihnachtsoratorium am 2. Advent aufführen lassen. Das, was wir heute als „Weihnachtsoratorium“ kennen und lieben, hat Johann Sebastian Bach Anno 1734 ursprünglich für die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest komponiert: 6 Kantaten für Gottesdienste in der Leipziger Thomas- und der Nikolaikirche.

Nun haben sich die Zeiten gewandelt, mit den Jahrhunderten wandelte sich auch die Aufführungspraxis vieler einstmals streng ins Kirchenjahr eingefügter klassischer Werke, und Bachs Oratorium gehört heute zu den meist aufgeführten Konzerten in der Vorweihnachtszeit. In der Schwerter St. Viktor-Kirche erklang am Vorabend des 2. Adventsonntags der sogenannte „zweite Teil“ des Oratoriums, die Kantaten IV, V und VI.

Erster Teil während Coronabeschränkungen

Komponiert hatte sie Bach ursprünglich für den Jahresstart: Neujahr wurde Teil IV im Gottesdienst musiziert, Kantate V folgte am Sonntag nach Neujahr und Teil VI abschließend an Epiphanias. Treue Konzertgänger erinnern sich, dass der Chor der Konzertgesellschaft Schwerte im Jahr zuvor den ersten Teil des Oratoriums dargebracht hatte, trotz der Coronabeschränkungen – aufgrund dieser Beschränkungen gab es kurzerhand zwei Konzerte am selben Tag, eins nachmittags, eins am Abend, vor entsprechend halbiertem Publikum.

Auch diesmal führte der Schwerter Chor unter Franz-Leo Matzeraths Dirigat die wunderschöne Musik wieder gemeinsam mit einem exquisiten Orchester und hervorragenden Solisten auf, Zuschauerbeschränkungen gab es keine mehr, die Kirche war nahezu komplett gefüllt. Und wie im vergangenen Jahr riss das Ergebnis viele Besucher im (dankenswert angenehm geheizten!) Gotteshaus nach etwas mehr als einer Stunde in Wortes Sinne von den Sitzen vor Begeisterung: Tosender Applaus brandete auf, belohnte die strahlenden Künstlerinnen und Künstler für eine große Leistung und monatelange intensive Probenarbeit.

Herausforderung bewundernswert gemeistert

Das Weihnachtsoratorium erhielt viel Applaus. Aufgeführt wurde es vor dem halb geklappten Antwerpener Doppelflügelaltar in St. Viktor. Foto: Silvia Rinke

Denn einfach ist das Weihnachtsoratorium nicht zu singen, so leichtfüßig und beschwingt es auch im ersten wie im zweiten Teil daherkommt. Im Gegenteil birgt gerade diese Leichtigkeit  Fallstricke an die Aufführenden, da bei dem schnellen Tempo jeder Ton akzentuiert sitzen muss, sonst klingt das Ergebnis verwaschen, verwabert. Eine andere Gefahr dieser Beschwingtheit ist die, dass der Chor die Instrumentalisten überholt oder umgekehrt, und auch die Einsätze der Solisten müssen jeweils auf die Sekunde passen.

Alles zusammen also eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, die der bekannt leistungsstarke Schwerter Laienchor von Kleinigkeiten abgesehen bewundernswert meisterte. Den Konzertbesuchern, auch denen, die die drei Kantaten zum ersten Mal hörten, konnte manches bekannt in den Ohren klingen. Denn viele Chöre und Arien im Weihnachtsoratorium sind Parodien, heißt, dass Bach Musik  bereits aufgeführter Kompositionen wiederverwendete.

„Fallt mit Danken, fallt mit Loben“

Der zweite Teil ist dabei generell weniger bekannt als Teil 1 mit seinem berühmten Auftakt „Jauchzet, frohlocket“.  Teil 2 beginnt mit „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“, Bach griff dabei auf seine Kantate „Lasst uns sorgen, lasst uns wachen“ (BWV 213) zurück. In der folgenden Stunde entfalten sich für die Zuhörer wunderschöne Klangwelten, teils besinnlich, teils mitreißend freudig und damit einfach ideal zur Vorfreude auf Weihnachten passend.

Dass auch der zweite Teil des Werks wie erwähnt hohe Ansprüche an die Chorsänger stellt, zeigt sich am deutlichsten beim „Ehre sei Gott“. Das Stück ist für den Chor äußerst lebendig  und sehr dramatisch, gleichzeitig aber von federzarter Leichtigkeit; denn hier jubelt ein Engelschor. Das verlangt Virtuosität von jedem einzelnen Sänger, ebenso wie bei den Übergängen, in denen der Chor abrupt dramatisch einbezogen wird: So singt in der VI. Kantate der Evangelist „Siehe, da kamen die Weisen vom Morgenlande gen Jerusalem und sprachen“, und der Chor hat sofort präsent zu sein mit dem lauten Ausruf: „Wo, wo, wo ist der neugeborne König..!“ In solchen Momenten müssen Orchester, Solist und Chor als Einheit funktionieren. Und in der St. Viktor-Kirche am Vorabend zum 2. Advent funktionierten sie. Es war großartig, was hier geboten wurde.

„O du fröhliche“ darf nicht fehlen

Hervorragende Leistungen ohne Abstriche boten Sopranistin Simone Krampe und die finnische Mezzosopranistin Ruut Mattila, die schon beim letztjährigen Konzert mitgewirkt hatte;  Bass-Solist Markus Volpert ist in Schwerte ebenfalls kein Unbekannter, den Tenor sang Gustavo Martin Sanchez. Das Orchester hatte Franz-Leo Matzerath aus Instrumentalsolisten der Dortmunder Philharmoniker, des Philharmonischen Orchesters Hagen und des WDR-Sinfonieorchesters Köln zusammengestellt.

Als Zugabe brandete schließlich, von allen gemeinsam gespielt und gesungen (einschließlich vom Publikum), „O du fröhliche“ durch die St. Viktor-Kirche.  Das Fazit: So – genau so –  klingt Weihnachten!